Ab 7. Mai 2020 hat das GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig wieder regulär von 10 bis 18 Uhr (außer montags) geöffnet. Bitte beachten Sie, dass vorerst nur die Sonderausstellung "Szenen des Lebens", nicht jedoch die Dauerausstellung zu sehen ist.

(un)widerstehlich - Adels- und Pilgertätowierungen

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Pilgertattoos

Wallfahrern ins Heilige Land dienten Tattoos als Beweis und Erinnerung an den Besuch der Grabeskirche und anderer christlicher Stätten in Jerusalem. Im Alten Testament heißt es zwar: „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr“ (Lev 19,28), dennoch waren Pilgertätowierungen beliebt. Zumeist pflegten Angehörige christlicher Minderheiten in Armenien, Syrien oder Äthiopien diesen Brauch. Bis heute hält z. B. die koptisch-christliche Familie Razzouk aus Jerusalem diese alte Tätowiertradition in einem eigenen Tattoo-Studio aufrecht. Seit Hunderten von Jahren werden hier christliche Pilger mit den Zeichen des Glaubens verziert:

Heinich Wilhelm Ludolf (1866 - 1712); zur Verfügung gestellt von den FRANCKESCHEN STIFTUNGEN HALLE/SAALE

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frommen Symbolen wie dem Jerusalemkreuz und heiligen Bildnissen wie dem von der Auferstehung Christi oder der Drachentöter Georg. Als Kreuzzeichen hatten sie nicht nur die Funktion eines Souvenirs, sondern schützten als praktisches Zeichen des Geleits vor einer möglichen Gefangenschaft. Und falls der Träger in der Fremde starb, so konnte er hoffen, aufgrund der mit Tinte bezeugten Glaubenszughörigkeit ein christliches Begräbnis zu erhalten.

Adelstattoos

Im Bürgertum waren Tätowierungen verpönt – wohl auch weil Adolf Loos sie mit degenerierten Adligen in Verbindung gebracht hatte. In der Tat erlebte der Hautstich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg unter Adligen einen ersten Höhepunkt: Kaiserin Sisi (1837–1898) wurde ein Anker auf der Schulter oder im Nacken nachgesagt, gesicherte Beweise fehlen jedoch. Jean-Baptiste Bernadotte (1763–1844) ließ sich den Leitspruch der Französischen Revolution – »Liberté, Egalité, Fraternité« (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) mit dem Zusatz: »Tod den Königen« tätowieren. Trotz der rebellischen Geste wurde er später selbst König von Schweden und Norwegen. 1951 ließ sich König Frederik IX. von Dänemark (1899–1972) im US-amerikanischen Magazin Life auf einer Doppelseite ablichten. Auf seiner Brust prangte ein Drachentattoo. Ein ähnliches Drachenmotiv hatte sich bereits Zar Nikolaus II. (1868–1918) von einem japanischen Tattoomeister in den Arm stechen lassen. In Europa galt der Drachen als Chaosbringer, in Ostasien hingegen als Zeichen der kaiserlichen Macht– eine Bedeutung, die europäischen Königen scheinbar gefiel. Kronprinz Frederik von Dänemark (*1968), der Enkel König Frederiks IV., entschied sich für ein anderes Motiv als sein Großvater: Ein Hai am Bein erinnert ihn an seine militärische Ausbildung bei der Marine.

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