Szenen des Lebens

Ein japanischer Paravent und seine Geschichte/n

Ein japanischer Paravent (»byōbu«) mit der Darstellung »Szenen an der Shijō-Straße nahe des Flussufers« vom Anfang des 17. Jahrhunderts ist nicht nur zentrales Ausstellungsthema, sondern zugleich dokumentarisches Bildmedium.

  • Laufzeit 07.05.2020—11.04.2021

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Japanischer Wandschirm
© GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Martin Lutze
Japanischer Paravent

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Japan im frühen 17. Jahrhundert. In der Shijō-Straße in Kyoto pulsiert das Leben: Ein Lastenträger eilt durch die schmale Gasse zwischen den Theaterbühnen, Menschen sitzen beim Picknick zusammen, andere beobachten Tänzer mit Fächern, eine Frau fertigt kleine Reisküchlein an einem Verkaufsstand nahe des Flusses. Dargestellt sind diese kleinen Szenen von Theatervergnügungen und alltäglichen Aktionen auf einem ganz besonderen Objekt der Japan-Sammlung im GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig: einem sogenannten byōbu – einem zweiflügeligen Paravent, der sich seit 1891 im Museum befindet. Nun wurde er kürzlich restauriert und soll ab April 2020 in einer Sonderausstellung erstmals gezeigt werden.

Der Paravent als „Wimmelbild“ gibt Einblick in das Japan der frühen Edo-Zeit (1603–1868). Kleidung, Frisuren, Musikinstrumente und Alltagsgegenstände sind realitätsnah dargestellt, und das Mit- und Nebeneinander der Figuren erzählt anschaulich von der Gesellschaftsordnung in der damaligen Hauptstadt des japanischen Kaiserreiches.

In der westlichen Wahrnehmung gehören Paravents zu jenen Dingen, die seit der teils verklärenden Japanbegeisterung im ausgehenden 19. Jahrhundert – dem sogenannten Japonismus – als „typisch japanisch“ gelten: ein Objekt, das einerseits Möbelstück ist, andererseits Bild, das für gesellschaftlichen Status, Handwerkskunst und Wohnkultur steht und in seiner Funktion gleichermaßen etwas auf seiner Papieroberfläche zeigt wie es anderes hinter sich verbirgt.

Der Leipziger byōbu wurde von Heinrich Botho Scheube (1853–1923) erworben, einem zwischen 1877 bis 1882 in Kyoto tätigen Arzt, der ihn nach seiner Rückkehr nach Deutschland zusammen mit anderen von ihm in Japan gesammelten Gegenständen an das Leipziger Museum gab. Im Kontext dieser Sammlung will die Ausstellung danach fragen, welches damalige Bild von Japan sich darin widerspiegelt? Unterschied sich Scheubes Interesse von damaligen europäischen und oftmals stereotypen Vorstellungen des Landes? Und in welchem Verhältnis stehen die „Szenen des Lebens“ als Ausdruck städtisch-bürgerlicher Kultur auf dem Paravent zur überlieferten materiellen Kultur?

Mögliche Antworten sollen mit Hilfe verschiedener Themeninseln sowie historischer Fotografien ausgelotet werden. Objekte der Sammlung wie eine „bentō-Box“, eine Trommel, ein Fächer oder ein Sandalenpaar bieten Gelegenheit zum Vergleich zwischen realem Objekt und seiner künstlerischen Umsetzung auf dem Paravent und zeigen zugleich die Vielfalt der Leipziger Japan-Sammlung.

Großen Einfluss auf die Vorstellung von Japan in Europa hatte die sogenannte Souvenirfotografie des späten 19. Jahrhunderts. Von westlichen Fotografen für Reisende gefertigt, entstanden mit den Aufnahmen auch imaginäre „Bilder“ Japans. Die überwiegend in Fotostudios inszenierten Aufnahmen zeigten immer wieder ähnliche Themen, die in europäischer Sicht das Besondere und „Fremde“ der japanischen Kultur betonten. Paravents spielten darin als Requisit eine wichtige Rolle: Vor ihnen führten meist junge Frauen nähend, tanzend oder sich frisierend „japanisches“ Leben vor- bzw. auf.

Im Gegensatz dazu wurde der Leipziger byōbu von lokalen Künstlern hergestellt und muss sich über drei Jahrhunderte in japanischen Haushalten befunden haben, bevor er von Scheube erworben wurde.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Blicke auf das „Eigene“ oder aber das „Andere“ stellt sich natürlich auch die Frage nach unserer heutigen Wahrnehmung Japans. Was wissen wir von diesem Land und inwiefern sind manche Klischees immer noch wirksam?

Die Ausstellung möchte nicht nur die kunst- und kulturhistorische Dimension des Paravents, der ursprünglich ein zweiflügeliges Gegenpaar gehabt haben muss, erschließen. Auch die materialgeschichtliche wie handwerkliche Dimension der erfolgten Restaurierungsmaßnahme soll vorgestellt werden. Diese fand im Austausch mit dem Tokyo National Research Institute for Cultural Properties (Tobunken) statt, denn auch bei der Frage, welche Ethik die Restaurierung in einem ethnologischen Museum des 21. Jahrhunderts leitet, ist die transkulturelle Zusammenarbeit zentral.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Uwe Albrecht, Bürgermeister und Beigeordneter für Wirtschaft, Arbeit und Digitales der Stadt Leipzig.

Publikation zur Ausstellung

Der im März 2020 erschienene dritte Band der Spurenlese erzählt Geschichte(n) eines japanischen Paravents, der nach seiner Restaurierung in der Ausstellung „Szenen des Lebens“ gezeigt werden wird. Lassen Sie sich durch diese Animation schon einmal einstimmen auf die Shijō-Straße in Kyoto Anfang des 17. Jahrhunderts. Zu bestellen ist die Spurenlese für € 10 (zzgl. Porto) im Grassi Museumsshop.
Zur Publikation

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Spurenlese: Ausstellung im GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig

Kirschblüten aus Papier – eine Origami-Anleitung

Origami ist die japanische Kunst des Papierfaltens. Aus einem quadratischen Blatt Papier entstehen durch Falten zwei- oder dreidimensionale Objekte wie Tiere, Figuren oder eine Kirschblüte aus der Ausstellung. Restauratorin Vanessa Kaspar zeigt, wie es geht. Viel Vergnügen beim Falten!

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Origami – Wir falten Kirschblüten

„Durch ein Bild gehen“ mit Hanns Zischler

Hanns Zischler , geb. 1947, arbeitet seit 1966 als Filmschauspieler. Sprechen, Schreiben und Fotografieren wurden im Lauf der Jahre seine künstlerischen Ausdrucksmittel. Seit Mitte der 70er Jahre betreibt er kultur- und natur- geschichtliche Forschungen, die sich in Sammlungen, Büchern, Aufsätzen und Vorträgen niederschlagen. Im Rahmen unserer Ausstellung „Szenen des Lebens“ nähert er sich dem Herzstück der Ausstellung – dem byōbu – auf eine philosophische Weise.

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Durch ein Bild gehen mit Hanns Zischler
Durch ein Bild gehen mit Hanns Zischler

Ein Blick in die Sammlung...

Viele unserer Objekte und Werke sind durch verschiedene Aspekte miteinander verbunden.

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Digitale Ausstellung

Unsere neue Sonderausstellung „Szenen des Lebens. Ein japanischer Paravent und seine Geschichte/n“ erzählt nicht nur vom pulsierenden Leben in der Großstadt, von Theaterbesuchen, dem Treffen auf der Straße und dem geteilten Picknick, sondern auch von der Zusammenarbeit und dem lebendigen Austausch zwischen japanischen Kolleg*innen und unserem Museum. In der jetzigen Situation mit den weltweiten „Shut-Downs“ des öffentlichen Lebens auf Grund der Corona-Pandemie scheint der Titel „Szenen des Lebens“ fast historisch: Unsere Vorstellung vom öffentlichen Leben, von gemeinsamen Erlebnissen und Vergnügungen wird sich zwangsläufig verändern.

Auch unsere übliche Form des gemeinsamen Arbeitens an der Sonderausstellung wurde in den letzten Wochen auf eine Probe gestellt. Wie funktioniert Teamwork in einer Zeit, in der Abstand eine wichtige Bedeutung erfährt? Wie viele Leute dürfen gleichzeitig Objekte einrichten, beleuchten, klimatisieren, verkabeln, Technik einrichten und fotografieren? Wir haben in kleinen Teams die „Szenen des Lebens“ so weit es ging aufgebaut. Eine komplette, „besenreine“ Fertigstellung der Ausstellung wollen wir baldmöglichst umsetzen, aber jetzt war uns der gesundheitliche Schutz unseres Teams wichtiger.

Eigentlich hätten wir die Ausstellung am 2. April 2020 eröffnet – mit Begrüßungen, Einführung und Musik von DJ Taishi. Bis die analoge Präsentation bei uns im Museum besucht werden kann, laden wir zum virtuellen Rundgang durch die verschiedenen Ausstellungskapitel und zur Erkundung von Themen und Objekten ein.

Sobald es die Situation zulässt, möchten wir die Eröffnung nachholen. Den „Szenen des Lebens“ werden somit weitere Geschichten hinzugefügt – und hoffentlich bald wieder solche des gemeinsamen Erlebens.

Zur Restaurierung des Paravents ist eine Publikation erschienen, mit Texten, die das Museumsobjekt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Geschrieben haben Restauratorinnen, eine Japanologin, ein Ethnologe, eine Journalistin, Kunsthistorikerinnen und ein Softwarestratege.

Hier gibt es Gelegenheit zum Blättern und Vertiefen. Die Publikation kann zum Preis von 10 € (zzgl. Porto) über den Museumsshop bezogen werden: service@grassi-shop.de

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