Ab 7. Mai 2020 hat das GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig wieder regulär von 10 bis 18 Uhr (außer montags) geöffnet. Bitte beachten Sie, dass vorerst nur die Sonderausstellung "Szenen des Lebens", nicht jedoch die Dauerausstellung zu sehen ist.

(un)erforscht - Europa

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Die Tattookunst hatte in Europa bereits eine lange Geschichte, erhielt durch das Aufkommen des Wortes „tatau“ allerdings neue Impulse. Schon die Ötzi-Mumie aus der Jungsteinzeit trug 61 Hautzeichen, die Pikten (Schotten zur Zeit des römischen Imperiums) waren tätowiert, und die alten Griechen und Römer benutzten den Hautstich zur Markierung und Bestrafung von Sklav*innen und Kriminellen. Dass Tätowierungen auch im Mittelalter eine Rolle spielten, belegen kirchliche Verbote und Gerichtsakten. Die Strafe verlieh der Tätowierung etwas Ruchloses. Im 18. Jahrhundert wurden die Bilder auf der Haut als etwas „Fremdes“ angesehen. Tätowierte Menschen zeigten sich auf Jahrmärkten und in Theatern, um die (Neu-)Gier des Publikums nach dem Exotischen zu befriedigen. Eine abenteuerliche Entführungsgeschichte erzählend, wurden die Tätowierten zur Figur, die Schrecken und Faszination zugleich auslösten.

Die 1925 von dem Ethnologen Wilfrid D. Hambly (1886- 1962) in "The History of Tattooing and its Significance" veröffentlichte Karte unternimmt den Versuch, die weltweite Verteilung von Körperbemalungen, Tätowierungen und Skarifizierungen darzustellen.

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Doch Tattoos waren auch im Alltag präsent. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurden sie zur Modeerscheinung: historische Schätzungen gingen davon aus, dass um die 20 Prozent der Bevölkerung in Europa tätowiert waren. Der Sozialmediziner Rudolph Virchow (1821–1902) sprach von einer regelrechten „Tätowierungswut“, insbesondere unter Arbeitern.

Zeitgleich bemühten sich kriminologische Studien, den angeblichen Zusammenhang zwischen Tätowierungen und Kriminalität zu betonen. So behauptete der italienische Arzt und Psychiater Cesare Lombroso (1835–1909), dass Tätowierungen ein Zeichen für eine nicht abgeschlossene menschliche Entwicklung und oftmals ein Indiz für Kriminalität seien. Diese Behauptungen trieb der österreichische Architekt Adolf Loos (1870–1933) mit der These auf die Spitze, dass ein Tätowierter, der noch keinen Mord beging, zu früh verstorben sei. In verschiedenen politischen Systemen schrieb man Tätowierungen komplexe Bedeutungen und Funktionen zu, teilweise wurden sie sogar verboten. Trotzdem blieb der Hautstich, oftmals im Geheimen getragen, weiterhin beliebt. Heute sind so viele Menschen in Deutschland tätowiert wie nie zuvor – fast jeder Vierte der 16- bis 29-Jährigen trägt ein oder mehrere Tattoos.

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